Hagen. Eine Reise oder Wanderung wird erst zu etwas Besonderem, wenn man nicht nur von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten hetzt oder Kilometer abspult, sondern vor allem durch die zufälligen Begegnungen mit anderen Menschen. Menschen, die man überraschend am oder auf dem Weg trifft, mit ihnen einige Worte wechselt, sich unterhält, etwas vom Leben des Anderen erfährt. Meistens erhellt es den Tag und fast immer regt es auch zum Nachdenken an, lässt uns mit fremden Erinnerungen und neuen Erfahrungen zurück. Hier einige dieser Reisebegegnungen der letzten Jahre:


Mallorca

Wir hatten in unserem Hotel extra kein All-inclusive-Programm gewählt, weil wir nicht als animierter Tourist an der Hotelbar enden wollten. Daher zogen wir Abends aus und als alter Country-Fan blieb ich direkt vor eine amerikanischen Bar mit Livemusik hängen. Dort stand Bob Dooley auf der Bühne. Nicht nur an diesem Abend, sondern auch an einigen Folgenden unseres Urlaubs. In seinen Pausen saßen wir oft zusammen und haben geredet. Über seinen Weg aus seiner kroatischen Heimat bis nach Mallorca, wo er als Entertainer sein Geld verdient. Hier findest Du übrigens seine Webseite.

Bob ist auch die bisher einzige Reisebegegnung, zu der wir noch heute – via Facebook – Kontakt haben. Daher ist er auch ein Grund, warum wir Mallorca auf jeden Fall noch mal besuchen wollen (was, wenn wir Glück haben, kurzfristig der Fall sein könnte). Um einfach bei einem Drink seiner Country-Musik zu lauschen und mit ihm in den Pausen nett zusammen zu sitzen. Das hat dann etwas von nach Hause kommen in einen der entspannensten Urlaube, die wir bisher hatten. „Going home“ sozusagen.

2014-04-20_reisebegegnungen_bobdooley


Schottland

Im „Worlds End“ unterbrachen wir unsere Tour durch Edinburgh für eine Portion Fish & Chips. Die Plätze waren gut belegt und wir kamen neben einem Paar zum Sitzen, von denen uns der Mann beinahe sofort ansprach. Er schien leicht angeheitert und mitteilungsfreudig, während seiner Begleiterin die Situation etwas peinlich zu sein schien. Doch der Mann war trotzdem nett und erzählte uns, dass er ursprünglich aus Stirling stammt und nach einigen Jahren in Übersee jetzt wieder in die Heimat zurück gekehrt ist. Auch wenn er durch seinen Akzent manchmal selbst für Verena nur schwer zu verstehen war, hatten wir eine nette Zeit, bis seine Freundin ihn aus dem Lokal zerrte.


Andalusien

Während des Fluges von Zürich nach Malaga saß ein Herr neben uns, der uns tief beeindruckte und inspirierte. Achtzig Jahre alt, hatte er mit vierzig Jahren (also in meinem Alter) in Deutschland die Zelte abgebrochen und war nach Malaga gezogen. In Deutschland nur gelernter Bauzeichner (wie ich also), hat er in Malaga als Architekt gearbeitet, war dort mit seiner Firma für Qualität bekannt und geschätzt. Heute ist er im Ruhestand und genießt das Leben – gerade kam er mit seiner (jüngeren) zweiten Frau vom Golfspielen auf Mauritius zurück.

Er erzählte uns auch von seinen Reisen. Besonders von seinem Roadtrip durch Patagonien. Mit einem klapprigen Auto, bei dem man auf einigen Strecken die Windschutzscheibe festhalten musste, damit sie nicht heraus sprang. Und der abendlichen Suche nach einer Unterkunft, dem Tipp eines Tankstellenbesitzers und von gerade fertig gestellten Ferienbungalows auf einem Privatgelände, wo man mit dem Besitzer Nachts noch einige Flaschen Wein geleert hat. Wir berichteten von unseren Reiseplänen und am Ende wünschte er uns viel Glück – und nannte uns „Abenteurer“. Das war irgendwie gefühlt wie ein Ritterschlag von einem erfahrenen Abenteurer zu den Anfängern.

Die Alcazaba von Almería wird uns nicht nur als beeindruckende Burganlage unter wärmender Sonne in Erinnerung bleiben, sondern auch wegen Willi. Wir begegneten ihm und seinem niederländischen Begleiter direkt am Eingang und trafen sie dann wieder, als sie an einem Brunnen saßen und ihr Essen teilten. Willi ist ein Aussteiger aus dem Hunsrück, der in Deutschland vielleicht als Obdachloser gelten würde. Mehrere Monate im Jahr reist er als Backpacker durch Andalusien, übernachtet im Zelt; was er braucht erbettelt er sich oder geht zur Tafel. Seine Ausrüstung war von guter Qualität, abgenutzt, aber gepflegt – und auch von Alkohol (das typische Vorurteil) war Nichts zu erkennen.

Willi hat mich nachdenklich gemacht. Er schien mir glücklich zu sein mit seiner Freiheit unter der schon im Februar wärmenden Sonne des europäischen Südens. Ein simples, einfaches Leben. Ein wenig war ich neidisch auf die Möglichkeit, sich einfach treiben lassen und morgens an einem Strand aufwachen zu können. Nicht zu wissen, ob man morgen genug zu essen hat, kann sicher belastend sein, aber wieder gilt: Wenn nichts sicher ist, dann ist alles möglich. Zum Abschied haben wir von ihm noch einige Tipps für Museen und Kirchen bekommen, die wir uns unbedingt anschauen müssen. Danke für das leider nur kurze Gespräch, Willi.


Schwanenteich

Da geht man am Sinziger Schwanenteich nur ein paar Schritte, macht eher beiläufig (und ohne das passende Teleobjektiv) ein paar Fotos – plötzlich wird man angesprochen. Von einem älteren Mann mit Rollator. Das Gespräch dreht sich erst um die Vögel in der Anlage, wendet sich weiteren gefiederten Freunden zu, bis wir von Eisvöglen erfahren. Dabei bleibt es nicht stehen. Wir hören von wilden Waschbären in seinem Garten, sprechen über Flüchtlinge und unsere Verantwortung, gleichgeschlechte Ehe und Adoptionen. Wir erfahren aber auch einige Details aus seinem Leben, an denen er uns teilhaben lässt. Wertvolle Zeit, weil man sie mit einem Menschen verbracht hat und dieser seine Erinnerungen mit einem geteilt hat.


Amsterdam

Wir hatten nur gerade mal neun Stunden in Amsterdam, um wenigstens einige Highlights dieser umwerfenden Stadt zu sehen. Da bleibt an sich nicht die Zeit und vor allem Ruhe für großartige Begegnungen – könnte man meinen. Doch wir hatten einen Moment der Muße, als wir eine Waffel und ein Eis verdrückten und uns dafür aus dem Trubel hinaus in eine Seitenstraße zurückgezogen hatten. Plötzlich öffnete sich neben uns eine unscheinbare Tür und aus dem benachbarten Schnellimbiss trat einer der Mitarbeiter heraus, um eine Zigarettenpause zu machen. Und plötzlich waren wir wieder mitten in einem Gespräch. Einem Gespräch über Amsterdam, Sehenswürdigkeiten und natürlich dem Reisen. Da war sie dann auch, die Frage: Warum wart ihr noch nie in Asien? Gute Frage, denn die Heimat unserer Reisebegegnung reizt mich schon: Nepal.

Eine Zigarettenlänge dauerte unsere Unterhaltung, bevor jeder wieder seiner Wege ging. Wie bei den meisten Reisebegegnungen streift man kurz das Leben eines Mitmenschen – und diese Zeit reicht aus, um einen selbst zum Nachdenken zu bewegen, vielleicht sogar ein kleines Stück weit zu verändern. Daher bin ich schon neugierig auf die Begegnungen, die wir auf unseren Reisen noch haben werden.

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