Hagen. Ich kenne ihren Namen bis heute nicht. Aber als ich wegen meines Beins in der Klinik war saß sie alleine an einem Tisch im Speisesaal. Es war Höflichkeit, die mich dazu brachte nicht einen der leeren Tische zu wählen, sondern mich zu ihr zu setzen. Die ersten zaghaften Worte, woher man kommt, ob man das erste Mal in dieser Klinik ist – Triviales halt. Sie kam aus dem Westerwald. Eine ältere Dame, an die 80 Jahre alt, vom Land. Schnell war ich mit einem Urteil bei der Hand. Verdammt – wie man sich doch irren kann.

Sie war nicht das erste mal in dieser Klinik. Sagte sie hätte indessen ein Abo abgeschlossen und hätte schon den Ärzten gesagt, dass sie süchtig wäre nach Operationstischen. Nicht mehr herunter wollte und sich auf jeden drauf wirft, der ihr vor die Nase kommt. Humor hatte sie schnell bewiesen. Sicher ein Grund, warum ich sie schon bald ins Herz schloß und nun bei jedem Essen mit ihr am Tisch saß. Oft so lange in Unterhaltungen vertieft, dass uns das Personal aus dem Saal kehren musste.

Sie war mehr, als ich am Anfang vermutet hatte. Ich sah am Anfang „nur“ eine ältere, nette Dame – vielleicht im Stil von Miss Marple -, die eigentlich nie aus ihrem ländlichen Umfeld hinaus gekommen ist. Sie hat mir gezeigt, dass man trotz aller Offenheit und Toleranz doch viel schnell Menschen in Schubladen steckt. Ein Verhalten, das man vielleicht braucht, um sich einfacher in der Welt zurecht zu finden. Ein Verhalten, das sicher ungerecht ist, aber zeitgleich die großartige Chance bietet, dass man immer noch positiv überrascht werden kann.

Sie war weit rumgekommen. Geboren im ehemaligen Jugoslawien, wo sie zur deutschstämmigen Bevölkerungsgruppe zählte. Kurz nach dem Krieg nicht die besten Voraussetzungen, weshalb sie innerhalb Jugoslawiens umziehen mussten, Verwandte auswanderten. Sie studierte Kunst, bevor sie dann auch den Sprung nach Deutschland wagte. Über einige Umwege kam sie in den Westerwald zu einer Firma für Keramik, was genau ihr Ding war.

Sie erzählte, wie sie neue Keramik entwarf und die Firma damit auf großen Messen Erfolge feierte. Sie gründete eine Familie, doch blieb sie ihrem Beruf immer treu. Man merkte ihr auch heute noch die Leidenschaft und Freude an dieser Berufung an. Selbst als sie in Rente ging konnte sie nicht davon lassen und ging für ein Projekt der Vereinten Nationen mit Keramik auf die Philipinnen. Dort hat sie Land und Leute kennen gelernt, ohne vor dem Elend in diesem Land die Augen zu verschließen.

Durch Verwandte in Australien hat sie auch mehrere Reisen im fünften Kontinent unternommen. Von wegen eine ältere Dame, die aus ihrem ländlichen Westerwald nicht heraus gekommen ist. Ich hatte dort ganz unvermittelt eine Weltenbummlerin getroffen, die sich nahtlos in die Reihe unserer bisherigen Reisebegegnungen einreiht.

Sie hat mich am metaphorischen Kragen gepackt und geschüttelt, als sie mir sagte, dass sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reisen kann – es aber nicht bedauert, weil sie die Erinnerungen aus ihren bisherigen Reisen hat. Dass man Reisen soll, so lange man dazu in der Lage ist. Sorgen kann man sich später immer noch. Und dann hat man zumindest die tollen Erinnerungen.

Ich hatte nicht so viel Zeit mit ihr, wie ich im Rückblick gerne gehabt hätte. Doch ist es eine der Begegnungen, die mich bewegt haben und an die ich mich immer gerne zurück erinnern werde.


Mit diesem Beitrag beteilige ich mich übrigens an der Blogparade von Gradwanderung über Reisebegegnungen (Link hier). Auch wenn ich keine meiner bisherigen Begegnungen auf der Lebensreise den Stempel „die Besonderste“ aufdrücken möchte oder könnte. Jede Begegnung war in diesem Augenblick und für diesen Zeitraum das Besondere. Jede Einzelne. Ich freue mich auch schon über Alle, die da noch kommen mögen.

2 thoughts on “Begegnungen: Eine ältere Dame aus dem Westerwald”

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