Als Verena und ich vor einem Jahr (natürlich ohne es zu wissen) unserem psychischen Zusammenbruch entgegen steuerten, haben wir damit begonnen unser Leben zu entrümpeln. Mit dem Gedanken, dass sich im Laufe der Jahre immer mehr Zeug ansammelt, das man eigentlich gar nicht braucht, man aber als Ballast immer weiter mit schleppt. Wir haben unseren Keller mit dem Larp-Kram entrümpelt und auf das, was wir wirklich noch aktiv brauchen, reduziert. Wir sind unsere Klamotten durchgegangen und haben Alles, was wir nicht (mehr) tragen oder uns nicht gefällt, weg geworfen oder gegeben. Wir haben sogar unsere Bücher ausgemistet und haben die vollen Billyregale von 6 auf 5 verringern können. Das hat gut getan.

Gerade habe ich aber das Gefühl, dass davon nur noch wenig übrig ist. Sowohl von der Motivation diesen Weg – „Wenn ich es nicht im letzten Jahr gebraucht habe oder nicht stark emotional daran hänge, dann kann es weg!“ – weiter zu beschreiten als auch von den einstmals freien Flächen, die sich über die letzten Monate hinweg wieder gefüllt haben. Ob es wohl wieder so ist, dass ich mich durch das Anhäufen von Gegenständen und dem Konsum davon abzulenken oder dafür belohnen suche, dass mir meine Arbeit keinen Spaß macht? Vielleicht ist es aber auch genau das gerade eine Spirale, die mich weiter runter zieht.

Mir wird immer stärker bewusst, dass ich gerade Gefahr laufe mich angesichts der ständigen Anforderungen mit ihren Überforderungen, einem mich immer mehr frustrierenden Job und einem Vater mit einem Arbeitsethos, das das Büro über die Gesundheit und das Wohlbefinden von sich und Anderen stellt, aufzureiben. Dass ich wieder in dem hier schon thematisierten Hamsterrad renne und (gefühlt) wieder zu wenig Zeit für mich, für meine Gedanken und Pläne und meine Kreativität habe. Manchmal merke ich, wie meine Euphorie mit neuen Ideen, mein Entdeckergen mit Abenteuerplänen und mein fotografischer-kreativer Tatendrang hervor blitzen, um direkt wieder vom Alltag abgedeckt zu werden.

Es sind nur neun Tage, bis wir die Arbeit hinter uns lassen und für eine Woche nach Texel fahren. Eine Zeit, die ich unbedingt brauche und herbei sehne – ich merke, dass es wieder zuviel ist und ich seelisch eigentlich schon längst wieder über meiner Belastungsgrenze lebe. Doch auf der anderen Seite gibt es Hoffnung, denn – auch Dank meiner Therapeutin – bin ich in den letzten Monaten wieder weitere Schritte in Richtung Achtsamkeit und Zukunftsfähigkeit gegangen. Und als wäre es ein Wink mit dem Zaunpfahl bin ich heute via Twitter über einen Artikel über minimalistisches Leben von Stefanie auf ihrem Blog „Comfortzoneless“ gestoßen – nämlich hier.

Während ich damit mehr oder weniger elegant den Bogen zum Anfang dieses Blogbeitrags geschlagen habe, haben es mir aus ihrer Liste besonders die Punkte 1 und 2 angetan. Digitale Entgiftung oder – wie es Mike Kuketz in seinem Blog hier nennt – digitaler Minimalismus. Dabei fiel mir auch ein Zitat ein, das ich vor einigen Tagen auf der Facebookseite des Fotografen Stefan Dokoupil gelesen hatte, der einen Workshop wegen zu geringer Teilnehmerzahl absagen musste. In dem Beitrag stand auch ein Satz, der mich bewegt hat und hängen geblieben ist: „Die Fotografie entwickelt sich zurzeit in eine sehr eigenartige Richtung und ich für mich habe jetzt entschlossen meinen eigenen Weg zu gehen, unabhängig von Sozialen Netzwerken und deren Likegeilheit.“

Meine Frau und ich haben uns zwar real kennen gelernt, aber unsere Beziehung begann eigentlich über ICQ. Ich war in meinem Freundes- und Bekanntenkreis einer der Ersten, die Facebook genutzt haben. Auch weil ich es toll finde den Kontakt mit lieben Leuten – unter anderem in anderen Ländern – aufrecht zu halten. Aber ich habe auch, z.B. über Twitter, nette Menschen kennen gelernt. Auf Instagram habe ich viele Inspirationen für meine Fotografie gefunden. Das zählt zu den Dingen, die ich an den sozialen Netzwerken schätze.

Zeitgleich stelle ich aber auch fest, dass ich immer öfter das Gefühl habe etwas zu verpassen, wenn ich nicht immer wieder meine Timelines betrachte. Versuche in immer kürzerer Zeit immer mehr Informationen aufzunehmen und zu sammeln, bis ich viele Texte nur noch überfliege oder längere Texte nur noch selten lese. Im Netz, aber ich merke auch, dass mir die Geduld für Bücher zusehends fehlt bzw. diese aufzubringen mir schwerer fällt. Zeitgleich dient das Durchklicken der eigenen Netzwerke und das Durchscrollen auch oft als Schein-Tätigkeit, wenn man auf etwas Produktives (Blogbeiträge schreiben oder Fotos bearbeiten zum Beispiel) keine rechte Lust hat, aber es sich auch nicht zugestehen will einfach zu gammeln.

Wir haben auch daheim immer relativ viel am Computer gesessen – was ja für Geschichten schreiben, Blogbeiträge verfassen und Fotos nachbearbeiten, aber auch für Planungen von Conbesuchen und Recherchen für neue Larp-Kleidung auf Dauer Sinn macht. Doch erst mit den Smartphones verfügten wir plötzlich über die Möglichkeit jederzeit und an jedem Ort – in der Wohnung und unterwegs – online zu sein, um keine Neuigkeiten zu verpassen und überall und ständig sofort digital auf Alles und Jeden reagieren zu können.

Morgens geht der erste Griff zum Smartphone und noch vor dem Zähneputzen geht der erste Tweet raus. Früher haben wir uns bei den Autofahrten (vielleicht auch mal notgedrungen) unterhalten oder haben Lieder mitgesungen (Verena) und mitgegrölt (ich). Heute wird das immer wieder für längere Pausen des Schweigens unterbrochen, weil Jemand (vorzugsweise natürlich die Person auf dem Beifahrersitz) noch im Internet nachschauen und natürlich auch was schreiben muss. Ich erinnere mich auch daran, dass wir vor Urzeiten (damals, als wir noch in Höhlen hausten wahrscheinlich) manchmal auch gemeinsam auf dem Sofa lagen, um einen Film zu schauen oder ein Buch zu lesen. Klappt auch heute – aber die Smartphones sind immer dabei und keine halbe Stunde vergeht, ohne dass man mindestens einmal nachschauen muss, ob sich die Welt wirklich noch weiter dreht.

Das Alles nur, damit man Nichts verpasst. Dabei verpasst man, wenn man sich selbst gegenüber ehrlich ist, gerade dadurch viele Sachen – weil man nicht mehr genug Zeit für andere Dinge hat oder ständig darüber nachdenkt, was man wann wo posten kann, um möglichst viele Likes zu bekommen. Klar, dass man am Schluss durch das ganze Klicken und Scrollen gehetzt und unzufrieden ist. Denn mit dieser Schein-Aktivität kann man weder was wirklich Sinnvolles machen noch entspannen. In der Zeit könnte ich eigentlich auch allein oder mit Freunden unterwegs sein, ein gelungenes Foto nachbearbeiten, einen schönen Blogbeitrag schreiben, ein gutes Buch lesen, einen tollen Film schauen, mich mit meiner Frau unterhalten oder mit ihr kuscheln. Oder sogar mehrere dieser Dinge gleichzeitig. Oder aber mal was ganz Anderes und Neues machen.

Klingt super, oder!?

Bevor ich mich jetzt aber in eine analog-euphorische Ekstase schreibe: Ganz werdet Ihr mich auch auf längerer Sicht auf den sozialen Netzwerken nicht los. Dafür habe ich die vielen Menschen, mit denen ich (nur) darüber Kontakt halte oder darüber kennen gelernt habe, viel zu gerne, um sie einfach so zurück zu lassen. Ob ich mir jedoch mal eine längere Auszeit nehme oder nur meine Präsenzzeiten minimiere, ob ich alle Netzwerke (zumindest teilweise) auf Eis lege oder das Eine oder Andere weiter nutze, ob ich einige Accounts ganz lösche sowie die Anzahl und den Ansatz meiner Seiten ändere, steht noch in den Sternen, denn noch bin ich ja am Anfang meiner Überlegungen. Bei meiner Frage:

Wieviel digitale Welt muss sein und wie viel davon brauche ich – und wie kann ich mir sowohl qualitativ als auch quantitativ Freiräume in der analogen Welt erobern und mit Leben füllen?

4 thoughts on “Auszeitgedanken: Digital und Analog”

  1. Liebe Verena, lieber Hagen,

    vielen Dank für die Verlinkung auf meine Seite. Darüber freue ich mich sehr!

    Das ist ein wunderbarer Artikel, der diese scharfe Gratwanderung zwischen „so wenig digitale Medien wie möglich, so viel wie nötig“ sehr gut beschreibt. Internet, Smartphone und Technologien bringen uns viele Vorteile und ermöglichen es, Zeit zu sparen, indem man vieles mit ein paar Klicken erledigen kann – Flug buchen, Geld überweise oder E-Ticket-Code vorzeigen. Die Zeit, die damit gespart wird, geht schnell auf Facebook und co. drauf. Es ist eine ganz dünne Grenze zwischen Nutzen und Ablenkung.

    Spätestens, als ich ICQ in eurem Beitrag gelesen habe, wird mir wieder bewusst, wie schnelllebig unsere Technologie ist. Das waren noch Zeiten, damals.

    Danke für diesen teifgründigen Artikel und viele Grüße sendet
    Stefanie

    1. Hallo Stefanie,

      Vorteile, die ich auch nicht mehr missen möchte. Gerade unsere Smartphones haben uns in auf den Passstraßen der Sierra Nevada, bei denen sich unser Mietwagen-Navi selbst nicht mehr sicher zu sein schien, geholfen. Aber diese Jagd nach Likes und Traffic frisst – meiner Erfahrung nach – auch unheimlich viel Zeit, die man eigentlich mit sinnvolleren Dingen verbringen könnte, wenn man es nicht für sein Business braucht. Wobei ich mich selbst da indessen frage, ob das in dem Umfang wirklich zwingend notwendig ist, um erfolgreich zu sein.

      Als ich mich an damals(TM) erinnert habe, habe ich auch kurz gestutzt. ICQ – das klingt fast wie die Technologie aus den napoleanischen Kriegen. Gefühlt zumindest. Genauso war es, als ich vor Jahren zu Facebook gegangen bin und alle mir gesagt haben, dass das totaler Blödsinn sei, da ja die ganzen Leute (in meinem Bekanntenkreis in Deutschland) bei „Wer kennt wen?“ wären und Niemand Facebook bräuchte. Das zeigt aber auch schön, wie kurzlebig digitale Produkte indessen sind bzw. sein können. Bin zum Beispiel gespannt, ob Snapchat den Anfangshype wirklich lange überlebt.

      Viele Grüße, Hagen

  2. Hallo Hagen!
    Um gleich mit der Türe ins Haus zu stolpern – Ich verstehe dich / euch nicht so recht.
    Die Belastung, die der Spaghat zwischen ungeliebter Tätigkeit und Verpflichtung dem Familienbetrieb gegenüber, dir auferlegt ist nicht einfach zu mindern. Dazu bist du einfach schon zu lange dabei.
    Aber die anderen Stressfaktoren – Soziale Netzwerke, Digitales Leben, Devices – hängen doch alleine an dir.
    Du hast da, so wie ich das sehe, keine Verpflichtungen. Du kannst da Spaß haben oder produktiv sein oder eben nicht mitspielen. Liegt ganz allein an dir.
    Ein Freund von mir schaltet sein Handy aus, sobald er von der Arbeit wieder zu Hause ist. Dann ist er nur noch über Festnetz erreichbar – oder eben gar nicht.
    Ich habe mein Handy auf lautlos stehen und sämtliche Benachrichtigungen für FB, Twitter, SMS usw. abgestellt.

    Mein Gerät, mein Geld – Ich bestimme!

    Ich habe den Eindruck, ihr hängt einerseits die Dinge zu hoch auf und gebt andererseits zu viel auf die Meinung von „Fremden“.
    Wenn sich wieder Zeug angesammelt hat und es dich / euch stört, dann kommt es eben wieder weg. Das ist der Lauf der Welt.
    Ich habe vor Jahren 600 Bücher verschenkt und fand die leeren Regale herrlich. Inzwischen stehen die Bücher wieder 2reihig und es liegt Druckwerk quer oben drauf.
    Es sind andere Bücher und teilweise auch wieder welche, die ich damals weg gegeben habe. Na und?

    Macht doch auf Texel mal den Selbstversuch. Kein Laptop, kein internetfähiges Handy – am Besten überhaupt kein Handy und nur eine Kamera mit einem Objektiv.
    Könnte überraschend enden….

    1. Hallo Michael,

      Du hast Recht. Es liegt an mir und damit bin ich auch frei eine entsprechende Entscheidung zu treffen. Aber ich brauche manchmal etwas Zeit, um mir dieser Freiheit der Wahl bewusst zu werden – wie ich mir eigentlich erst in den letzten Tagen bewusst geworden bin, dass ich diese Stressfaktoren habe. Und es ist ja auch eine Art Sucht und ein (selbstauferlegter) Zwang. Objektiv ist es leider einfacher, als subjektiv emotional. Zumindest für mich.

      Finde es aber bewundernswert, dass Du schon so radikal warst – und erinnere mich gerade daran, dass ich Dich ja auch vor Jahren auf Twitter gefunden habe. Und plötzlich gab es den Eifelgrynch nicht mehr. Er war von Twitter verschwunden – zumindest für eine längere Zeit …

      Und über den Selbstversuch denke ich mal drüber nach … 😉

      Viele Grüße, Hagen

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