Hagen. Ein weiterer Text aus der Serie über meinen Weg durch meine Depression. Zur Dokumentation meines Weges und meiner Gedanken, die ihn begleiten. Eine Art Abenteuer, wenn auch nicht von der Sorte, wie man sie Anderen wünscht. Dennoch freue ich mich über jede Art des Austausches, zum Beispiel in den Kommentaren.

Es wäre so viel einfacher, wenn man nicht ständig das Gefühl hätte unverstanden zu werden. Ein Gefühl, das die Einsamkeit noch verstärkt, die man sowieso empfindet. Eine Einsamkeit die manchmal auch selbst gewählt ist, weil man es einfach müde ist es anderen Menschen zu erklären oder ihnen nicht mit der eigenen Depression und der daraus resultierenden Stimmung auf die Nerven fallen zu wollen. Auch eine selbstgewählte Einsamkeit, weil man manchmal (mehr oder weniger oft) schlicht und ergreifend mit sich selber genug zu tun hat. Man nur schwer mit sich selber klar kommt, ins Reine kommen muss – und nicht noch Menschen um sich herum gebrauchen kann, auf die man sich einstellen muss und die es meist nicht begreifen.

Dabei ist das nicht die Schuld der depressionsfreien Menschen, denn die Krankheit Depression ist auch schwer greifbar und begreifbar. Als ich noch keine Depression hatte, habe ich das auch nicht begreifen können. Habe mich gefragt, warum die Leute sich so anstellen – denn einige Dinge sind ja so logisch, dass man sie nur umsetzen muss. Erst heute begreife ich, als Betroffener, dass es gar nicht so einfach ist etwas Logisches umzusetzen, wenn Herz und Seele aber nicht logisch reagieren und agieren wollen. Und obwohl ich heute von dieser Diskrepanz weiß und mir auch klar ist, dass Depression wirklich eine Krankheit ist, fällt es mir selbst heute oft noch selber schwer meine Depression als Krankheit zu begreifen.

Zu akzeptieren. Ja, es ist eine Hemmschwelle da, wenn ich mir selbst gegenüber zugeben muss, dass meine Depression eine Krankheit ist, die mich in meiner Lebensführung und meiner Arbeitskraft nicht nur behindert, sondern auch immer noch einschränkt. Doch im Gegensatz zu einem Beinbruch oder einer abgehackten Hand oder einer schweren Erkrankung habe ich eine Krankheit, die oft auf Unverständnis stößt und auch hinter meinem Rücken hat man schon davon gesprochen, dass ich mich anstelle und nicht mehr sauber ticke. Vielleicht ticke ich auch nicht mehr sauber (was immer das heißen mag, aber ich definiere das mal als „funktioniert nicht wie die meisten anderen Leute“), aber das macht mein Leiden nicht geringer.

Heute habe ich Jemanden ohne Depressionen erzählt, dass ein Buch lesen und Gammeln in meinem Empfinden unproduktive und damit eine schlechte Zeit ist. Sie konnte es nicht verstehen, denn natürlich ist sowas eine produktive Zeit, weil man sich dabei ja entspannt. Schließlich würde man was machen – das wäre doch ganz logisch. Und Ja: es ist logisch. Aber dass der Verstand diese Logik erkennt bedeutet nicht, dass ich mich in der ganzen Zeit nicht entspannen konnte, weil ich immer die vielen Aufgaben, die es so im Leben gibt, im Kopf habe. Ich kann nur sehr schwer mit meiner Frau länger auf dem Sofa liegen und einen Film schauen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe über die vielen Dinge, die dann ja nicht gemacht werden.

Ich kann nicht abschalten. Bin es gewohnt mir ständig über Dinge Gedanken zu machen. Immer aktiv zu sein. Etwas zu tun. Produktiv zu sein. Als ich noch arbeiten war habe ich jede Nacht noch stundenlang im Bett wachgelegen und habe über die Arbeit gegrübelt. Bin Nachts aufgewacht mit Gedanken, was noch im Büro zu tun ist. Bin die Aufgaben des nächsten Tages durchgegangen. Irgendwann habe ich mir dann ausgemalt oder erträumt, was im Büro schief läuft. Wenn man das Jemanden erzählt, der keine Depression hat, erhält man schnell den Rat, dass das nicht gesund ist und dass man sich Zeit für sich selber nehmen sollte. Mal entspannen und regenerieren. Ja, das ist logisch. Aber genau an der Umsetzung hapert es.

Natürlich ist dieses ständige Gefühl von erforderlicher und vermeintlicher Aktivität nur ein Teil meiner Depression (denn es gibt viele Arten von Depressionen und meine ist sicherlich kein Prototyp). Diese Krankheit scheint aus vielen Rädern zu bestehen, die wie in einem Uhrwerk ineinander greifen. Doch die vermeintliche Zeitnot gehört dazu. Jeder Termin – selbst wenn er für mich ist, ein Treffen mit Freunden oder einfach nur spazieren gehen – ist ein fester Zeitraum in meinem Kalender, der verplant ist und mir nicht mehr für mich zur Verfügung steht. Und da es immer im Leben solche Termine gibt – vor allem, wenn man noch einen Vollzeitjob hat – habe ich gefühlt nie Zeit für mich. Für meine Projekte und für meine Entspannung.

Man sollte ja jetzt meinen, dass meine Projekte und meine Entspannung identisch ist. Das ist aber irgendwie nicht so. Zumindest nicht immer. Denn jedes meiner Projekte ist auch zeitgleich eine Aufgabe, die Zeit benötigt. Zeit, die mir dann wieder für die Entspannung fehlt. Oder für andere Projekte. Was auch bedeutet, dass ich mit jedem Projekt, dass ich mache, zeitgleich andere Projekte von mir nicht mache. Der Berg wird daher nur unwesentlich kleiner, während meine schlechtes Gewissen wegen der bisher unerledigten Sachen bleibt und mich weiterhin belastet. Das hindert mich wieder daran mich zu entspannen. Ein bescheuerter Teufelskreis – zugegeben. Es bleibt das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben.

Mir ist dabei verstandesgemäß vollkommen klar, dass diese Sache mit der freien Zeit und den Terminen normal ist. Dass das etwas ist, womit jeder klarkommen muss. Und womit auch die Mehrzahl der Menschen gut klar kommt. Mich stürzt dieser Druck aber in ein großes Dilemma. Sogar in mehrere. Zum einen sind es so viele Dinge, die zu tun sind, an denen ich Interesse habe und machen möchte sowie machen muss – gefühlt ein riesiger Berg. Da sind zum Einen die Sachen, die man nicht gerne macht, wie z.B. Wäsche waschen und falten, Aufräumen, Saugen, Putzen, etc.. Zum Anderen die Sachen, die man eigentlich gerne macht, wie z.B. das Nähen von Larp-Kleidung, Fotos machen und nachbearbeiten.

Letztendlich stehe ich oft vor einem Berg an Aufgaben, den ich nicht erklimmen kann – und nur schwer (und nicht immer) kann ich den Berg in kleine Hügel aufteilen, die ich dann nacheinander erledigen kann. Oder es gibt so viele Sachen, die ich gerne machen möchte – aber ich kann einfach nicht alle machen, weil mir die Zeit fehlt (was ich ja in einem der oberen Absätze schon mal angerissen habe). Dann stehe ich vor den 1000 möglichen Aufgaben und kann mich nicht für eine Aufgabe entscheiden, weil ich dann ja 999 Sachen nicht machen kann. Das Ergebnis: Ich stehe da einsam und verloren, falle in eine Art innere Starre und entscheide mich gar nicht. Der Berg bleibt und ich stehe weiterhin davor. Das ist etwas, woran ich (auch mit meinem Facharzt) schon arbeite.

Derzeit versuche ich sogar möglichst viele Sachen auf meiner Liste zu erledigen, weil ich mir denke, dass ich ja dann Nichts mehr zu tun habe und entspannen kann. Dabei weiß ich selber, dass das Unsinn ist. Weil es Aufgaben gibt, die immer wieder kommen (Saugen und Staub wischen zum Beispiel), und Aufgabe, die neu hinzukommen (zum Beispiel wenn ich auf die Idee komme einen Larp-Charakter neu auszustatten). Ich belüge mich selbst, aber renne trotzdem weiter in diesem Rad, weil ich keinen Ausweg sehe. Weil ich mich – wie oben schon mal erwähnt – nicht einfach aufs Sofa legen und mich entspannen kann, während noch Dinge zu tun sind und mir auf den Schultern und auf dem Gewissen lasten. Ergo renne ich gerade weiter in meinem eigenen Hamsterrad und habe – gefühlt – keine Zeit.

Vielleicht auch weil ich Depp immer noch verinnerlicht habe, dass Müßiggang aller Laster Anfang ist und man die Zeit produktiv nutzen sollte. Auch weil ich Zukunftsängste habe, denn es muss ja irgendwann irgendwie weiter gehen. Und das „irgendwann“ macht mich ebenso nervös, denn ich habe das Gefühl, dass es nicht wirklich weiter geht. Dass ich nicht voran komme und meine Krankheit sich nicht wirklich bessert. Viele im Umkreis mögen das Anders sehen, aber außerhalb meiner eigenen vier Wände und meines Blogs versuche ich meine Gefühle, die tiefe Leere, die ich oft mit mir herum schleppe, nicht offen zu zeigen. Ziehe mich in diesen Momenten eher zurück und meide andere Menschen sowie gesellschaftliche Anlässe.

Wie dieser Tage. Während der Sommer immer noch verregnet ist und damit seinen Teil zu meiner Stimmung beiträgt, ich mich nicht aufraffen kann raus zu gehen und das Gefühl habe aus Frust nur zu futtern (und an Gewicht zuzulegen), sitze ich entscheidungsunfreudig in meiner Wohnung und habe beim unverwandten Blick auf dem Bildschirm Tränen in den Augen. Dann ist „World of Warcraft“, Facebook und Wikipedia eine Ersatzbeschäftigung, die eigentlich keinen Sinn hat und keine Befriedigung verspricht. Sie machen nicht glücklich, aber sie lassen mich zumindest für eine zeitlang die tiefe Leere und Traurigkeit in mir vergessen. Eine Leere und Traurigkeit, für die ich noch nicht einmal einen besonderen Grund erkennen kann.

Ich weiß nur: Ich bin noch immer auf dem Weg, aber es geht langsamer voran, als ich es mir selber wünschen würde. Das Ziel ist noch weit entfernt und immer stärker beginne ich zu zweifeln, ob das Ziel eine endgültige Genesung von der Krankheit wirklich erreichbar ist. Es gibt Tage, an denen sich Traurigkeit und Pessemismus die Hand geben und den Zweifeln und der Angst vor der Zukunft auf den Thron helfen. Heute ist ein solcher Tag.

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