Hagen. Ein weiterer Text aus der Serie über meinen Weg durch meine Depression. Zur Dokumentation meines Weges und meiner Gedanken, die ihn begleiten. Eine Art Abenteuer, wenn auch nicht von der Sorte, wie man sie Anderen wünscht. Dennoch freue ich mich über jede Art des Austausches, zum Beispiel in den Kommentaren.

„Hope fades into the world of night, through shadows falling out of memory and time, don’t say we have come now to the end.“

Immer öfter kreisen meine Gedanken um das Ende, den Tod und schwere Krankheit. Um die Zeit, die mir noch gegeben ist. Eine Zeit, die kürzer sein kann, wie man es sich denkt und sich erhofft. Die eigene Zeit und/oder die gemeinsame Zeit mit dem Partner. Düstere Gedanken, die ich bisher – auch während meines ersten Burnouts – nicht kannte. Nicht erlebt habe. Erst seit meine Frau dieses Jahr mit diesen Gedanken in eine eigene Depression geschlittert ist, beginne ich auch mir immer öfter Gedanken darüber zu machen.

Doch eigentlich stimmt das gar nicht. Denn auch ich habe schon länger diese Gedanken. Ich werde nicht jünger und merke immer mehr Zipperlein oder Meldungen meines Körpers, die ich nicht einordnen kann. Und was ich nicht einordnen kann, wird (zumindest gerade in meiner Depression) ständig mit negativen Gedanken und Vorahnungen hinterlegt. Bisher konnte ich jedoch die Gedanken daran und Sorgen darüber erfolgreich verdrängen.

Bedingt durch die Auseinandersetzung mit dem Thema mit meiner Frau und auch der leichten Zugänglichkeit solcher Gedanken durch meine eigene Depression scheint das jedoch (leider!?) nicht mehr so gut zu funktionieren. Das Gespräch mit einem Bekannten diese Tage über den Tod seines Vaters, der überraschend innerhalb weniger Wochen mit 53 Jahren an Krebs gestorben ist, macht es auch nicht einfacher.

Ich habe Angst. Wieder einmal. Vor schwerer Krankheit. Vor dem Tod. Vor meinem Eigenen. Vor dem meiner Frau. Meiner Söhne. Meiner Eltern und allen anderen Menschen, die mir etwas bedeuten. Den Menschen, mit denen ich noch einen guten Teil meines Lebensweges gehen möchte. Mit denen ich Zeit teilen möchte. Mit denen ich etwas erleben möchte. Ich möchte noch Abenteuer erleben, das Leben erkunden. Seite an Seite mit meiner Frau, über deren Tod ich ebensowenig nachdenken möchte wie über meinem. Daher ist jedes Zipperlein bei Ihr wie bei mir Grundlage für düstere Grübeleien, die ich immer zu verdrängen suche. Denn ich habe Angst.

Ich habe Angst. Angst, nicht mehr genug Zeit zu haben. Davor meine Träume nicht mehr leben zu können. Mein Leben nicht mehr so leben zu können, dass ich es rücklickend betrachtet als lebenswert einstufen könnte. Es nicht mit den Menschen leben zu können, die mir wichtig sind. In erster Linie meiner Frau und meinen Söhne, die mein Leben zu etwas Besonderem und Wertvollem machen. Doch es gibt da noch mehr. Mehr Leben, das auf mich wartet. Da draußen. Direkt hinter dem Horizont. Ich muss nur meine Kraft zurück erlangen und aufbrechen. Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.

Doch noch hält mich die Angst und der Zweifel zurück. Die Angst vor dem Verlust. Eine Angst, die mich ständig begleitet. Bei jedem Schritt und jeder Entscheidung. Denn jede Entscheidung für eine Option und einen Weg ist immer auch eine Entscheidung gegen eine Option und gegen einen Weg. Jede Entscheidung trägt immer auch einen Verlust in sich. Statt mich über die vielen Möglichkeiten zu freuen, aus denen ich wählen kann, stehe ich unschlüssig vor den vielen Wegen an jeder Kreuzung. Mit dem Unvermögen mich zu entscheiden, um jeden Verlust zu verhindern. Lieber keine Entscheidung treffend als eine Falsche. Selbst im Wissen, dass der Stillstand mich mehr kostet als jede falsche Entscheidung.

Doch wer keine Entscheidung trifft, über den entscheiden irgendwann letztendlich Andere. Wer nicht in der Lage ist selber für sich Entscheidungen zu treffen, der wird nie ein selbstbestimmtes Leben führen. Der wird nie wirklich Leben, sondern auf Dauer nur existieren. Bis er irgendwann auf sein Leben zurück blickt und erkennt, dass die Zeit verronnen ist und seine Träume nicht gelebt wurden. Dabei ist es für mich noch schwer zu erkennen, dass man nie zu alt ist, um das Ruder rum zu reißen und sich auf einen neuen Weg zu machen – wenn man den Mut dazu aufbringen kann.

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ (Aristoteles)

Aber es gibt Vorbilder. Menschen, die die Segel neu gesetzt haben. Wie Emil und Liliana Schmid aus der Schweiz. Um die vierzig Jahre alt haben sie sich entschieden zwei Jahre auf Reisen zu gehen. Das ist war 1984. Seitdem sind sie mit ihrem Auto auf Weltreise. Ihre Webseite mit der im Guiness-Buch verewigten Weltrekordreise findest Du hier. Oder unsere Reisebegegnung auf unserem Andalusienflug, der mit vierzig Jahren nach Spanien ausgewandert ist und dort sein Glück gefunden hat. Dabei fällt auf, dass wirklich die meisten Menschen, die in ihrem Leben die Segel neu setzen, um die Vierzig sind. In meinem Alter. Die Midlife-Krise lässt scheinbar grüßen.

Zu diesem Thema passte aber auch ein Film, der am Mittwochabend im Fernsehen lief: „Best Exotic Marigold Hotel“. Mehrere ältere Briten treten die Reise zu einem gut beworbenen Hotel in Indien an. Wegen einer Hüft-OP, die in Indien günstiger ist. Weil die Pension des Mannes in einer Internetfirma der Tochter scheinbar verloren ist. Weil sie nach dem Tod ihres Mannes einsam ist und wegen Schulden das Haus verkauft werden muss. Weil ein todkranker Mann noch mal seinen indischen Jugendfreund wiedersehen möchte. Weil man als alter Mensch einen neuen Menschen an seiner Seite (oder nur fürs Bett) sucht. Alles Menschen, die – so meint man – ihr Leben schon hinter sich haben. Ein Leben, in dem sie sich meist in ihrem heimatlichen Britannien bequem eingerichtet hatten.

Doch jetzt werden diese Menschen durch die Versprechung eines luxuriösen Hotels nach Indien gelockt. Ein Hotel, das sich als stark renovierungsbedürftig herausstellt, aber von einem jungen und sympathisch ambitionierten Inder geführt wird. Einem Mann mit einem Traum. Letztendlich ist es eine Reise zu den eigenen Wünschen und Träumen. Eine Reise, die aus der eigenen Komfortzone hinaus führt, den Horizont erweitert und jeden der Reisenden verändert. Es ist in gewisser Weise eine Parabel zu meinem Leben, meinen Gefühlen und Gedanken. Dass dieser Film an diesem Abend im Fernsehen kam, wo ich mich den Tag über schon mit der Angst vor dem Altern auseinander setzen musste, war Zufall oder Schicksal. Es hat gepasst.

Der Film – mit Stars wie Judi Dench, Maggie Smith und Bill Nighy großartig besetzt – hat mir Hoffnung gegeben. Dass es immer die Möglichkeit gibt etwas zu ändern. Dass das Leben nicht im Alter von (sagen wir mal) dreissig Jahren vorbei ist und man danach nur noch auf ausgetretenen Pfaden in seinem Hamsterrad laufen muss. Statt zu resignieren und dem Leben jeden weiteren Sinn abzusprechen sollte es eher Ansporn sein. Ansporn in der Gewissheit, dass es Zeit ist etwas zu ändern und zu leben. Jetzt. Ohne Angst vor dem Ende, das wir nicht beeinflussen können. Was wir aber beeinflussen können ist die Zeit, die uns bis dahin noch gegeben ist. Und diese möchte ich nicht mit Trauer im Herzen verbringen, sondern mit freudigem Glanz in den Augen.

Dazu passen auch diese Filmzitate aus „Best Exotic Marigold Hotel“:

„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Nichts hat sich hier so entwickelt, wie ich gedacht hatte.“ „Das ist doch meistens so. Aber manchmal ist das, was dann stattdessen geschieht, ein richtiger Knüller.“

„Das eigentliche Scheitern liegt darin, es gar nicht erst zu versuchen. Und Erfolg misst sich an unserem Umgang mit Enttäuschungen, immer wieder. Wir alle sind hergekommen und haben es versucht, jeder auf seine Art. Kann man es uns verübeln, dass wir uns für Veränderungen zu alt fühlen, die Enttäuschung zu sehr fürchten, um nochmal neu anzufangen? Wir stehen morgens auf und bemühen uns nach Kräften. Alles andere ist unwichtig.“

„Eine andere Wahrheit ist, dass derjenige, der nichts riskiert, nichts tut, nichts hat. Wir wissen über die Zukunft nur, dass sie anders sein wird, aber Angst macht uns vielleicht nur, dass alles so bleibt, wie es ist. Deswegen sollten wir Veränderungen feiern, denn wie jemand mal gesagt hat: am Ende ist alles gut. Und wenn nicht alles gut ist, glauben sie mir, dann ist es auch nicht das Ende.“

Wie es auch immer kommen mag: Ich lebe in interessanten Zeiten.

2016-03-20_ontour_02

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.