Tag 1 – Donnerstag: Playa Serana oder: Ob ich jemals wieder spanische Tomaten kaufe?

Nach einem überwältigenden Sonnenaufgang über den Wolken während unseres Fluges von Köln nach Zürich, hatten wir auf dem Anschlussflug nach Malaga das Privileg einer ersten Reisebegegnung. Der achtzigjährige Weltenbummler berichtete uns von seinen Reisen und berührte sowohl unser Herz als auch unsere Seele. Mit unserem Mietwagen (wie in Schottland ein Opel Mokka) ging es auf der Autobahn nach Osten nach Roqueta di Mar kurz vor Almeria. Eine Route mit Schockeffekt. Zwischen der Küste und den Bergen breitete sich ein Meer aus Plastik aus, das wir in der Intensität nicht erwartet hatten. Jeder halbwegs horizontale Quadratzentimeter (der nicht mit touristisch oder kommunal genutzten Gebäuden belegt war) schien mit Gemüseanbauflächen unter Plastikplanen bedeckt zu sein – Gemüse, auch für den deutschen Markt. Wir fühlten uns sofort seltsam schuldig. Auch die letzten Kilometer durch die Plastikbauten, nur durchbrochen von Tierweiden voller Dreck und Schmutz, machten es nicht besser. Der Schock saß so tief, dass wir überlegten den Urlaub abzubrechen und heim zu fliegen. Aber wir entschieden uns, der Sache eine Chance zu geben und erstmal eine Runde zu schlafen.

Tag 2 – Freitag: Tabernas, Felix, Los Millares oder: Wildwest in Spanien

Für uns gab es  nach dem negativen Eindruck des ersten Tages nur eine Richtung: weg von den Küstengebieten mit dem Meer aus Plastik. Hinein ins Landesinnere. Es war wie eine Flucht in die imaginäre Kulissenwelt Hollywoods, in die Westernstadt Fort Bravo. Nach dem Besuch des überraschend sich auf einer Bergkuppe vor uns erhebenden Castello von Tabernas, einer alten Burg der Mauren, ging es nach „Texas Hollywood“. Dort waren Filmklassiker wie „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Zwei glorreiche Halunken“ und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, aber auch „Der Schuh des Manitou“ gedreht worden. Ein Hengst hatte es derweil auf Verena abgesehen und zwickte sie in den Kopf (ja, das geht!). Der seltsamen Atmosphäre in dem kaum besuchten Park, in dem einige halbgelangweilte Animateure versuchten, uns von einer ‚Show‘ zu überzeugen, entgingen wir, indem wir eine kleine Wanderung durch ein ausgetrocknetes Flussbett unternahmen. Zirpende Grillen, duftende Kräuter und Temperaturen um die 20 Grad machten es uns leicht, ein wenig zu entspannen.

Die Rückreise gen Hotel, das in der Urbanisacion Playa Serena lag (urbanisaciones sind künstliche Siedlungen), traten wir über die Höhestraße A-391 an. Über Alhama de Almeria, Enix und Felix, das ein sehenswertes Bruchwerk in einem der steilen Berghänge zu bieten hat, ging des durch Haarnadelkurven und an atemberaubenden Aussichtsplätzen vorbei durch die Berge. Immer wieder konnten wir an den Hängen der Berge die berühtem weißen Dörfer sehen, die für diese Regions Spaniens so typisch sind. Leider war zu der frühen Jahreszeit die kupferzeitliche Ausgrabungsstätte von Los Millares nicht geöffnet, wofür jedoch einige Tage später entschädigt wurden.

Abends im Hotel stellten wir fest, dass wir den Altersdurchschnitt im Hotel massiv senkten: viele deutsche und britische Rentner nutzten das laue Klima, um zu überwintern. Die Stimmung war dementsprechend seltsam, fröhlich, vertraut, ein wenig wehmütig. Die Kellner kümmerten sich mit Humor und Charme vor allem um die vielen älteren Damen und ja, auch Verena bekam ein wenig Bewunderung und eine Rose aus einer Stoffserviette. 🙂

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Tag 3 – Samstag: Abrucena, Purullena, Guadix, La Calahorra oder: Wohnen im Berg und auf dem Berg

Es zog uns an diesem Tag in Richtung Guadix, um uns auch einmal eine etwas größere Stadt anzusehen. Doch auf dem Weg über die Autobahn A-92 überkam uns die Entdeckungslust und wir nahmen den erstbesten Weg, der uns hinauf in die schneebedeckte Sierra Nevada führen würde. Durch Abrucena hindurch ging es immer weiter hinauf, über schmale Straßen, entlang schroffer Klippen und zaghaft blühender Mandelbäumen, bis wir schließlich kurz unter dem Gipfel Halt machten. Vollkommen verlassen lag das idyllische Erholungsgebiet ‚Las Rozas‘ vor uns, in dem im Sommer Camper und Zelter der Hitze im Tal entgehen. Ein Ort, der mit seinen im Wind rauschenden Pinien eine unglaubliche Ruhe ausstrahlte.

Wieder in Abrucena, gab es für Hagen, der meistens auf unseren Reisen am Steuer sitzt, noch einen Schweißausbruchsmoment – die engen Straßen forderten ihm sein gesamtes fahrerisches Können ab. Jeweils 2 cm blieben noch zwischen den Außenspiegeln und den weiß getünchten Wänden der Häuser. Aber geschafft haben wir es natürlich dennoch und machten uns dann auf den Weg nach Purullena, einer kleinen Stadt nordwestlich von Guadix. Dort lockte uns das Höhlenmuseum, das sich als privates, in den Berg hinein gehauenes Haus entpuppte, das von seinen Besitzern kurzerhand in ein Museum umgebaut worden war. Im Erdgeschoss trafen wir also unterirdisch auf die Ehefrau des Betreibers in der Küche, die Großeltern und Kindern vor dem Fernseher im Wohnzimmer, wir liefen durch die privaten Schlafzimmer und stiegen dann immer weiter hinauf, wo es dann deutlich musealer wurde. Viele Fotos und Ausstellungsstücke erzählten die Geschichte einer Region, in der es Jahrhunderte lang vollkommen normal war und ist, dass man in weitverzweigten und angenehm kühlen Wohnhöhlen in den Felsen lebt.

Auch in Guadix selbst gibt es ein komplettes Stadtviertel, das fast komplett unterirdisch liegt und das man besichtigen kann. Doch auch die maurische Festung, zahlreiche alte Häuser und nicht zuletzt die großartige Kathedrale von Guadix sind absolut sehenswert. Ein wenig heimisch wurde uns Rheinländern ums Herz, als wir den zaghaften Versuch eines Karnvalszuges  beobachten durften. Die nur etwa 300 Teilnehmenden ließen sich trotz der lichten Reihen die gute Laune aber nicht verderben und zogen singend und tanzend durch die alten Gassen.

Die Sonne sank und wir traten den Rückweg an, wieder hatten wir eine Passstraße, die A-337,  im Auge, die uns ins Hotel bringen sollte. Auf der Strecke lag das Castello de la Calahorra, das wir trotz des starken Windes im Licht der über der Sierra Nevada untergehenden Sonne erklammen, bevor uns das schwindende Licht weiter voran trieb. Wir fuhren auf über 2000 Meter hinauf und hatten einen unglaublichen Blick über die Berge und das Umland; leider waren wir recht spät unterwegs und mussten den letzten Teil der Strecke komplett im Dunkeln machen, was für unsere Nerven nicht die beste Idee war, denn die Einheimischen fahren auf den ihnen bekannten Bergstraßen recht forsch und brachten uns in die ein oder andere brenzlige Situation.

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Tag 4 – Sonntag: Sorbas, Lucainena de las Torres, Almeria oder: Tapasfreuden und deutsche Lebensgeschichten

Der Wind vom Vortag frischte auf und machte uns direkt am Morgen einen Strich durch unsere Tagesplanung – denn der Besuch einer zweiten Westernstadt inklusive Zoo stand überhaupt nicht zur Debatten, wenn Staubwolken über die wüstenähnliche Umgebung von Tabernas ziehen. Stattdessen ging es also der Nase nach, direkt nach Osten, Richtung Sorbas. Die kleine Stadt liegt auf einer recht beeindruckenden Klippe und verfügt über ein bisher nur teilweise erforschtes, riesiges Höhlensystem, das man nach Voranmeldung entdecken kann. Wir hatten uns darum allerdings nicht gekümmert und fuhren daher weiter Richtung Süden, wo wir in dem hübschen Dörfchen Lucainena de las Torres auf die aus dem Jahr 1900 stammenden Hochöfen (hornes de calcanacion) stießen, die wir im kräftigen Wind erkundeten.

Um eine Impression reicher und mit Sand zwischen den Zähnen zog es uns weiter und wir beschlossen, uns Almeria anzusehen, die Provinzhauptstadt, deren moderner Hafen Europa und Afrika verbindet und deren malerisch enge Gässchen und historische Gebäude schon oftmals Schauplatz von Dreharbeiten waren. Wer im Moment „Game of Thrones“ schaut und sich fragt, wo die Szenen, die in Dorne spielen, gedreht wurden – das ist Almeria!

Auf der Alcazaba, der maurischen Festung, die über der Altstadt thront, trafen wir nicht nur auf liebevoll aufbereitete Ausstellungen und Dutzende spannende Fotomotive, sondern auch auf Willi, den Aussteiger aus Saarbrücken, der uns mit heißen Tipps für die Innenstadt versorgte und uns ein bisschen was aus seinem Leben auf der Straße erzählte. Eine echte Frohnatur, der mit sich und seinem Existenz vollkommen zufrieden war. Für uns ein Vorbild der besonderen Art.

Die warme Nachmittagssonne erinnerte uns daran, dass wir das Mittagessen ausgelassen hatten und so folgten wir einem Tipp von Hagens Vater: „Iss da, wo die Einheimischen essen!“. In der winzige Taberna Nuestra Tierra fanden wir glücklich einen Tisch und wurden belohnt: die Tapas, die wir uns vom Kellner zusammenstellen ließen, waren fantastisch.

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Tag 5 – Montag: Granada oder: Die Faszination der Üppigkeit

 Granada! Bereits früh am Morgen ging es los in Richtung der geschichtsträchtigen Stadt. Wir hatten bereits im Voraus Karten für den Besuch der Alhambra im Internet reserviert, was sich als wahrer Glücksfall herausstellte, denn nachdem wir unser Auto auf dem großen Parkplatz der Alhambra geparkt und an die Bushaltestelle gestellt hatten, von wo wir erst einmal in die Innenstadt fahren wollten, hörten wir bereits gegen 10 Uhr Morgens die Durchsage, dass alle Karten für den Besuch der besonders spektakulären Nasridenpaläste für den aktuellen Tag ausverkauft waren.

Die 3 Stunden, die uns in der Innenstadt blieben, verbrachten wir mit gemütlichem Bummeln durch die engen Gassen und in der atemberaubenden, lichtdurchfluteten Kathedrale samt der ebenfalls sehr beeindruckenden Kapelle, in der sich die Grabstätten der beiden legendären historischen Figuren Katharina von Aragon und Ferdinand von Kastilien befinden. Auch die Kunstsammlung der sehr frommen Katharina machte einen großen Eindruck auf uns – leider war der Botticelli an ein Museum in Tokio ausgeliehen. Schade!

Und was kann man über die Alhambra erzählen, ohne ins Schwärmen zu geraten? Der rund-eckige Palast Karls des Fünften, die Alcazaba als trutziger Festungsteil, der Generalife als üppig begrünter Sommerpalast und die Medina als archäologisch aufbereitete ‚Vorstadt‘ der eigentlichen Anlage gefielen uns natürlich sehr gut, aber die Nasridenpaläste raubten uns den Atem. Die Vielfalt der maurischen Ornamentik war ein wahrer Augenschmaus und in jedem Bereich, durch den wir gingen, anders und besonders: wir besichtigten den Löwenhof mit dem berühmtem Brunnen, den Myrtenhof und den Alcázar mit dem Thronsaal. Ein unvergesslicher Besuch, nach dem uns die Füße ordentlich wehtaten, denn nach 4 Stunden allein in der Alhambra versagte unsere Kondition.

Die Rückfahrt war dann nochmal ein richtiges Abenteuer: der Navi kannte die neugebaute Autobahn nicht und schickte uns stattdessen in der Dämmerung erneut über einen Pass. Müde und abgespannt, wie wir waren, wurden die zwei folgenden Stunden zur Nervenprobe. In der Dunkelheit hätten wir beinahe noch einen Unfall gebaut: die Herde wilder Steinböcke war zum Glück reaktionsschneller als wir und sprang vollkommen ungerührt den nächsten Steilhang hinunter.

Unser Tip an Euch daher, bevor es Euch mit dem Auto in diese Region verschlägt: akualisiert Euer Navi!

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Tag 6 – Dienstag: Cabo de Gato und Almeria oder: Die vielen Gesichter einer Region

Dass es die Küste auch in ’schön‘ und ohne Plastik gibt, erfuhren wir an diesem Tag, was uns dann doch mit der Region ein wenig aussöhnte. Das Cabo de Gato (‚Kap der Katze‘) ist ein Naturschutzgebiet, in dem einige Naturstrände wie z.B. der Playa des los Genoveses zum Baden und Verweilen einladen. Auf einer abwechslungsreichen Wanderroute durchquerten wir das Gebiet und ließen uns von Sonne, Wind und großartigen Ausblicken über das kristallklare Meer und die schroffen Felsen verzaubern. Auf den Rückweg boten wir wohl für die dick eingemummelten Spanier ein seltsames Bild: wir liefen mit dem Füßen im Wasser im T-Shirt den Strand entlang und genossen die Wärme. So unterschiedlich können Temperaturempfindungen sein!

Am Nachmittag ging es noch einmal nach Almeria, da Verena unbedingt das archäologische Museum besichtigen wollte, was sich als gute Entscheidung herausstellte: eine kreative und interaktiv gestaltete Ausstellung auf drei Etagen erzählt in dem mit einem Architekturpreis ausgezeichneten Gebäude die Geschichte der Region von der Frühzeit (eben jene von uns schon entdeckte Los Millares-Kultur in der frühen Kupferzeit) über die römische bis hin zur maurischen Siedlungsepoche. Unbedingt sehenswert und sehr lehrreich. Viele deutsche Museum könnten sich von der Art, in der die Stücke präsentiert wurden, eine dicke Scheibe abschneiden.

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Tag 7 – Mittwoch: Zurück nach Deutschland

Die Sonne schien bei 23 Grad vom blauen Himmel, als wir am Abflugtag in Malaga ins Flugzeug stiegen. Leider ging es schon mit deutlicher Verspätung los und so blieb beim Zwischenstop in Zürich leider keine Zeit mehr, um noch Schweizer Schokolade zu kaufen. Stattdessen rannten wir quer durch das Terminal und schafften es gerade noch rechtzeitig zu unserem Gate. Unser Gepäck war leider nicht so agil wie wir und blieb ein wenig länger in Malaga als ursprünglich vorgesehen. Zurück in Deutschland warteten Dunkelheit und Schneeregen bei 3 Grad auf uns und die Erkenntnis, dass es ein großartiger Urlaub hätte sein können, wenn wir nicht gerade beide psychisch so schwer angeschlagen wären.

Vielleicht geben wir der Region in den kommenden Jahren noch eine zweite Chance, aber momentan stehen erst einmal andere Ziele für uns an.

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