Hagen. Von Hermitage Castle führte unsere Route am zweiten Tag unseres 2015er-Trips in die Scottish Borders nach Jedburgh. Wahrscheinlich nicht genau auf der selben Route, welche schon die schottische Königin Maria Stuart im Jahr 1566 genommen hat, aber wieder einmal führte uns der Weg durch die beeindruckende Landschaft der Lowlands.

In Jedburgh war die alte Abtei unser Ziel, die sich früher am Ufer des Flusses Jed erstreckte (der jetzt natürlich ein etwas anderes Flussbett hat) und über die sich krönend die Abteikirche erhob, deren hoch aufragenden Ruinen noch heute den Ort beherrschen. Ein weiteres steinernes Zeugnis der Geschichte der Borders, das verwunderlicherweise als Ruine die Zeit überdauert hat und nicht den Bautätigkeiten späterer Jahrhunderte zum Opfer gefallen ist. Ein Umstand, über den ich sehr dankbar bin.

Ebenso dankbar waren wir, dass sich das Wetter geändert hatte. Kaum, dass wir an der alten Abtei ankamen riss die Wolkendecke auf und blauer Himmel zeigte sich. Waren wir Vormittags bei Hermitage Castle noch nass geworden, so war es jetzt warm genug, um auf die Jacken zu verzichten. Im Laufe unserer Reise blieb es aber nicht das einzige Mal, dass das Wetter direkt besser wurde, sobald wir eine alte Abtei besuchten. Wir fragen uns bis heute, wer uns was damit sagen will …

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Als auf dem europäischen Festland die Karolinger die Herrschaft im Frankenreich übernahmen und die Muslime von den Westgoten die iberische Halbinsel eroberten, stand in Jedburgh schon ein kunstvoller Heiligenschrein, so dass Jedburgh seit Beginn des 8. Jahrhunderts bis heute auf eine über 1.300-jährige Geschichte als religiöser Ort zurück blicken kann. Mitte des 9. Jahrhunderts, als der Ort noch Gedwearde hieß, wurde die erste Kirche erbaut. Damals gehörte das Gebiet noch zum Königreich Northumbria, so dass die Kirchengründung vom Bischof Ecred, der seinen Sitz in Lindisfarne auf der Heiligen Insel („Holy Island“) hatte, ausging.

Kurz vor dem Bau dieser Kirche hatten sich nördlich des Königreichs Northumbria auf Grund der Wikingerüberfälle die Völker der Skoten und Pikten zusammen geschlossen und wurden unter den Herrschern des Hauses Alpin geeint. Das war die Geburt des Königreichs Schottland, das damals aber noch Alba genannt wurde. Das Königreich Northumbria wiederum wurde wenige Jahre nach dem Kirchenbau in Jedburgh von dänischen Wikingern erobert und hörte auf zu existieren. Jedburgh wird demnach erst mal unter der Herrschaft der Wikinger gestanden haben, denn erst im Jahr 1018 wurden die heutigen Borders unter König Malcolm II. Teil des Königreiches Alba.

Einige Änderungen dürfte es aber auch in Jedburgh und der dort gelebten Liturgie gegeben haben, nachdem 1066 Wilhelm der Eroberer in England landete, um sowohl die Schlacht gegen die Angelsachsen wie auch die Königswürde zu gewinnen. Dies führte nämlich dazu, dass Margareta, eine Dame aus altem königlichem Geschlecht, floh und durch eine schicksalhafte Fügung mit ihrem Schiff in Schottland strandete. Dort machte sie Malcolm III. zuerst zu seiner Frau und dann – 1070 – zur Königin. Margarete, damals etwa 24 Jahre alt, machte sich auch direkt ans Werk den wilden Leuten aus Alba etwas Kultur zu bringen.

Sie reformierte das kirchliche Leben, indem sie alte Bräuche der Kelten und die keltische Kirche des heiligen Columban beseitigte und fortan die römische Kirche den Ton angab. Die für die damalige Zeit sehr sozial eingestellte Monarchin war zudem eine große Förderin von christlicher Erziehung, gründete Schulen und unterstütze – auch eigenhändig – die Armen und Kranken. Sie war oft in den Gefängnissen und Spitälern des Königreiches zu sehen. Kein Wunder, dass sie sehr beliebt war. Und diese Beliebtheit ließ auch nach ihrem Tod im Jahr 1093 (übrigens 4 Tage, nachdem ihr Mann und ihr Ältester in der Schlacht gefallen waren) nicht nach: 158 Jahre später wurde sie vom Papst heilig gesprochen.

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Die Normanisierung des Königreiches Alba ging aber nicht nur von Königin Margareta aus, sondern auch von Einflüssen aus England. Denn die im Norden Englands wohnenden einheimischen Angelsachsen fanden Wilhelm den Eroberer jetzt nicht so toll und ließen in Wilhelms Augen ausreichend Huldigung vermissen. Also machte er das, was er gut konnte und dem Zeitgeist entsprach: Er entsandte Truppen. Im Winter 1069/1070 unterwarfen sie im Rahmen der „Harrowing of the North“ Nordengland und hinterließen verbrannte Erde – und das ist nicht im übertragenen Sinne gemeint, denn den Wohlstandsunterschied zwischen Nord- und Südengland wird noch heute auf diese Verheerung zurück geführt.

Natürlich waren auch normannische Adlige bei den Truppen und einige von Ihnen hatten wohl keine Lust mehr auf den Rückmarsch, so dass sie sich in der Gegend niederließen. Wie die Familie de Soules, die ersten Herren von Hermitage Castle, in Alba. Oder William Walcher, der 1071 als erster Nicht-Angelsachse den Posten des Bischofs von Durham übernahm, in Nordengland. Wenig später wurde Letzterer auch noch als Earl der Herrscher von Northumbria, was gar nicht so gut war, wie es klingt, denn er war zwar ein religiöser Mann, aber ein miserabler Anführer. Weshalb er den Angriff von schottischen Banden auf sein Land und sein Volk auch einfach ausgesessen hat. Auch die Ritter seines eigenen Haushaltes, die plünderten und gelegentlich Untertanen ohne Strafe töteten, dürfte nicht zu seiner Beliebtheit beigetragen haben.

Als dann noch Ligulf of Lumley, ein Kritiker des Bischofs, im Rahmen einer Fehde mit fast seinem ganzen Hausstand von Williams Getreuen getötet wurde, war das Faß voll. Die Verwandten von Ligulf of Lumley sannen auf Rache und töteten Bischof William Walcher. Ganz vorne mit dabei war Eadwulf Rus, der aus einem alten Adelsgeschlecht von Northumbria stammte und mit dem schottischen König Malcolm III. verwandt war. Aber die Familie kann auch nicht immer helfen, denn der Mord an einem Bischof war auch damals kein Kavaliersdelikt. Daher floh er – und zwar in die Kirche von Jedburg (womit wir wieder bei unserer Abtei angekommen sind). Aber auch Kirchenasyl scheint es für Bischofsmörder nicht zu geben, weshalb er dort gefasst und direkt getötet wurde. Außerdem wurde er dort  bestattet. Erst auf dem Friedhof, später aber wieder ausgebuddelt und außerhalb des heiligen Bodens abermals verscharrt.

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Mehr Aufregendes ist in Jedburg jedoch bisher nicht passiert. Das änderte sich erst unter der Herrschaft von König David I., dem jüngsten Sohn der heiligen Margarete. Da zwischen der Herrschaft seines Vaters und ihm noch drei andere Könige auf dem Thron saßen, die einem potentiellen Anwärter auf die Krone nicht wohl gesonnen waren, lebte er viele Jahre im Exil am Hof des englischen Königs. Als er (natürlich nach einer gewonnenen Schlacht gegen einen Konkurrenten) 1124 endlich König von Alba wurde war er – auch im Vergleich zu anderen Adligen – für seine Zeit hoch gebildet. Und durch die Jahre am Hof von Henry I. hatte er auch die Kultur und den Politikstil der Normannen erlebt – und führte sie in Schottland ein.

Diese Reformen werden „Davidian Revolution“ genannt und beinhalteten – zur Etablierung eines starken Königstums – unter anderem die Einführung des feudalen Lehnssystems, eine zentrale Verwaltung, ein verstärkter Bau von Burgen zur Beherrschung des Landes und die Unterstützung einer im Königreich einheitlichen Kirche. Zu Letzterem gehörte auch die Gründung und Unterstützung von Klöstern und Kirchen – und so wurde im Jahre des Herrn 1038 in Jedburgh eine „Priory“ gegründet. Er übergab sie Stiftsherren der Augustiner aus dem französischen Beauvais und schon zwölf Jahre später erhielt Jedburgh den Status einer Abtei, womit auch die Bauttätigkeiten einsetzen, deren Ergebnis in den heutigen Ruinen noch zu sehen ist.

Bei diesen Bautätigkeiten wurden (wie man auf den Fotos sehen kann) viele Steine benötigt. Auch damals hat man es sich einfach gemacht und das genommen, was in der Gegend rum lag und nicht mehr benötigt wurde – wie zum Beispiel in Cappuck. Dort hatten einst die Römer ein Fort gebaut, was aber nach ihrem Abzug aus Britannien im frühen 5. Jahrhundert nicht weiter genutzt wurde und verfiel. Die Baumeister von Jedburgh hatten zumindest für diese Steine Verwendung. Deshalb findet man auch heute noch Steine aus römischen Altären an diesem Ort. Unter anderem mit der Inschrift „Für Jupiter, den Besten und Größten, die Ablösung der rätischen Lanzenträger, unter dem Befehl von Julius Severinus, ihrem Tribun“ (natürlich in Latein).

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Während die Abtei wuchs und baute nahm ihre Wichtigkeit immer mehr zu. Ebenso wie von dem ganzen Ort Jedburgh, denn David I. hatte hier auch eine Burg errichten lassen (die aber schon 1409 endgültig zerstört wurde – wahrscheinlich, weil allen Beteiligten der ständige Besitzerwechsel zwischen Schotten und Engländer auf den Keks ging). Aber schon 1165 hat sich ein schottischer König – Malcom IV. – nach Jedburgh begeben, um zu fasten. Malcom war nämlich tief religiös. Und ich vermute er neigte zu Übertreibungen, denn er hat sich totgefastet (im Alter von 24 Jahren). Das hat seinen Nachfolger William I. aber nicht davon abgehalten die Stadt Jedburgh 1170 zu einer königlischen Stadt zu erheben (daher auch das „-burgh“ im Namen, denn bis zu dem Jahr hieß der Ort noch Jedeworth).

Das nächste Großereignis in Jedburgh war – im Jahre 1285 – die Trauung von König Alexander III. mit seiner zweiten Frau Yolande de Dreux, die aber nicht lange Freude an ihm hatte, denn nur vier Monate später fiel er vom Pferd und brach sich das Genick. Tragisch. Nicht nur für ihn, sondern auch für Schottland, denn er hatte keine Thronerben hinterlassen. Also stritten sich alle um den Thron – und ab 1290 spielte auch Edward I., der englische König, mit. Erst mit Diplomatie und Intrige, ab 1396 dann auch militärisch. Und da Jedburgh faktisch direkt vor seiner Nase lag wurde es noch im selben Jahr erobert, ein pro-englischer Abt eingesetzt und die Abtei als Basis genutzt. Damit begann der erste schottische Unabhängigkeitskrieg – und für die Kanoniker began eine politische Gratwanderung.

Denn während sich schon ein Jahr später die Schotten über einen Sieg freuten (und ihren neuen Helden William Wallace bejubelten), wurde die Abtei zur Vergeltung von den Engländern geplündert. Damit begründeten diese eine unschöne Tradition von Zerstörung und Wiederaufbau. So nahmen die Engländer 1305 das Blei von den Dächern zum Bau von Belagerungsmaschinen, doch konnten sie nicht verhindern, dass Robert the Bruce 1306 den schottischen Thron bestieg. Doch in den Borders war der Krieg noch nicht vorbei, so dass 1312 alle Mönche nach England flohen und erst Jahre später wieder zurück kehrten.

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Endlich: Ende des 13. Jahrhunderts blühte die Abtei, wie das ganze Königreich Schottland, wieder auf. Die Gebäude wurden wieder aufgebaut und das Kloster wuchs. Leider dauerte diese Phase nicht sonderlich lange, denn schon 1346 schauten die Engländer wieder vorbei und schleiften die Abtei. Doch um 1370 stand sie wieder und unter König David II. wurde sie sogar um das nördliche Querschiff erweitert. Hat aber auch nicht viel gebracht, denn auch 1409, 1410, 1416 und 1464 hatten sie abermals unfreundlichen Besuch. Kein Wunder, dass man heute noch Spuren der Reparaturarbeiten, die zwischen 1464 und 1520 durchgeführt wurden, sehen kann. Die Freude über die reparierte Abtei war damals aber auch wieder mal nur von kurzer Dauer.

1523 starb der schottische König James IV in der Schlacht von Flodden und die Engländer haben mal wieder vorbei geschaut. Danach waren Stadt und Abtei abgebrannt. Nur notdürftig vermochte man damals das Kloster zu reparieren (wobei sich mehr – Überraschung! – eh nicht gelohnt hätte). Denn 1544 und 1545 kamen die Engländer nochmal auf Kurzbesuch vorbei. 1548 waren die wieder weg, aber dafür hielten französische Truppen (die durch die „Auld Alliance“ lange mit Schottland verbündet waren) die Stadt. Sie bauten die Abtei provisorisch zu einer Kanonenplattform aus und um. Was den Zustand des Gebäudes und Geländes sicher nicht besser machte.

Das endgültige Ende kam im Jahre 1560, als die protestantische Reformation auch in Schottland ankam. Die Mönche wurden zwar nicht vertrieben, aber das Kloster wurde mit einer neu erbauten Kirche direkt neben der Alten zu einer Pfarrei der reformierten Religion (bis selbst diese irgendwann im 19. Jahrhundert aus Sicherheitsgründen verlegt wurde, da herunterfallende Steine auch in einer Messe nicht sonderlich lustig sind). Nach Renovierungsarbeiten, die schon im 19. Jahrhunderte begannen, ist die „Jedburgh Abbey“ heute unter Aufsicht von „Historic Scotland“.

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