Unsere Reise nach Andalusien im Februar 2016 war eine schwere Zeit. Ich habe bis heute gebraucht, um mich ernsthaft an die Nachbearbeitung der Fotos zu setzen. Während der Bearbeitung habe ich auch gemerkt wieso. Sie rufen bei mir nicht dieselbe Begeisterung hervor, wie es bei Fotos anderer Reisen der Fall ist. Vor allem aber schwemmt ihre Betrachtung die Erinnerungen und die Gefühle von damals hoch. An Verena mit ihren Panikattacken und an mich, der dort – mitten in Alméria – einen psychischen Zusammenbruch hatte. Eine Reise, die wie keine davor oder danach von unseren Depressionen geprägt war.

Bei mir läuft gerade die Musik von Aimee Mann und die Intensität von melancholischen Gedanken und einer tiefsitzenden Traurigkeit ist so stark, wie schon seit vielen Wochen nicht mehr. Sicher hängt es auch damit zusammen, dass der Herbst sich gerade von seiner grauesten Seite zeigt. Ebenso mit der Trauer und dem Mitleid angesichts des vor zwei Tagen verstorbenen 11-jährigen Sohnes eines guten Freundes. Ich denke an einen andere guten Freund, der – drei Jahre älter als ich – im Frühjahr dieses Jahres gestorben ist. Die eigene Sterblichkeit wird mir immer stärker bewusst.

Daher überlege ich hier, in meinem ersten Beitrag des Jahres, was mit mir im Jahr 2017 gewesen ist.

Letztes Jahr hatte ich – direkt aus dem Burnout – das Büro meines nach seinem 3. Herzinfarkt ausgefallenen Vaters kommissarisch leitend übernommen. Mit allen Projekten und Baustellen. Aber der x-te Versuch, ob ich mit meinem Vater zusammen arbeiten und irgendwann das Büro übernehmen werde, ist krachend gescheitert. Im Februar traf mich dann – wie ein Dampfhammer – die Erkenntnis: Ich hasse meinen Job!

Es dauerte auch nur noch wenige Monate, bis sich diese Erkenntnis im nächsten Zusammenbruch niederschlug. Seit Mai bin ich ergo wieder krank geschrieben. Dieses Mal aber ohne schlechtes Gewissen gegenüber meinem Vater und mit dem Wissen, dass ich in dem Job, den ich auf Grund seiner Erwartungen und aus eigener Bequemlichkeit einst ergriffen hatte, keine Zukunft für mich sehe. Doch wie es in Zukunft weiter geht weiß ich abschließend auch nicht. Vage Ideen, semikonkrete Vorstellungen – aber sicher ist nichts.

Ich bin ungeduldig. In der Therapie geht es voran, aber nur schrittweise. Meinen Umgang mit der Krankheit zu verbessern geht nicht von heute auf morgen und wird sicher ein lebenslanger Prozess sein, aber ich habe das Gefühl, dass mir die Zeit davon rennt. Dass ich in dieser Zeit Möglichkeiten vorbei ziehen und ungenutzt bleiben (müssen). Aber besonders im Wissen, dass meine Zeit endlich ist. So will ich oft mehr, bis ich wieder zuviel gewollt habe und gegen die innere Mauer laufe.

Vielleicht wird mir die indessen genehmigte Reha im Allgäu, auch mit seinen Beratungsmöglichkeiten, einen besseren und für mich gangbaren Weg aufzeigen, wie ich meine Zukunft mit der Krankheit gestalten und leben kann. An diesen Aufenthalt, wohl Anfang nächsten Jahres, setze ich viel Hoffnung.

Die Highlights und Lichtblicke des Jahres waren primär unsere zwei größeren Reisen. Erst im Frühjahr für vier Tage nach Lissabon und danach ins Herz von Portugal, dann Ende August nochmal für einige Tage nach Lissabon. Eine Stadt und ein Land, das unsere Herzen erobert hat. Darüber hinaus war ich jedoch nicht so aktiv, wie ich es mir in meiner letzten Bucketlist noch vorgestellt habe. Dass ich seit Anfang letzten Jahres, nachdem ich so gut abgenommen hatte (Klick!) indessen wieder zugenommen habe, verstärkt nur die Selbstzweifel und drückt auf meine Stimmung.

Ich bin unzufrieden. Mit mir und der Gesamtsituation. Ich fühle mich dick, alt, unförmig, unbeweglich, looserlike. In den letzten fast vier Wochen, in denen ich mit einer Grippe (oder was in der Art) kämpfte und noch kämpfe und fast nur daheim gelegen habe, hat sich das auch nicht unbedingt verbessert. Dafür habe ich via Netflix an meinem Weltbild gearbeitet – aber das ist ja auch ein doppelschneidiges Schwert.

Irgendwann war ich die Serien und Filme satt. Mein Gehirn wollte mehr und fand dieses „Mehr“ in den Dokus. Unter ihnen „Cowspiracy„, „A plastic ocean“ und „We feed the world„. Dokumentationen, die ich nur Jedem ans Herz legen kann. Anschauen. Ich bin immer noch dabei die Informationen und Gedankenanregungen zu verarbeiten. Die Dokus haben mich verwirrt zurück gelassen, irgendwo zwischen „da ich als Einzelner das nicht ändern kann, kann ich auch weitermachen wie bisher“ und „ich muss in meinem Leben liebgewonnene Gewohnheiten überdenken und ändern“. Ich habe begonnen mir Gedanken zu machen.

Ich weiß, dass sich was ändern muss. Dass ich was ändern muss. Trotzdem ist es für mich gerade schwer aus den dunklen Tiefen der Depression wieder heraus zu kommen. Ständig habe ich das Gefühl, dass ich keine Zeit für mich habe. Für das, was mir gut tut. Ständig Ansprüche an mich gestellt werden. Zumindest meiner sehr subjektiven Wahrnehmung nach – und vielfach sind es die dann doch die eigenen Ansprüche. Meine Ungeduld und der indoktrinierte Leistungszwang reichen sich dabei allzu oft die Hand.

Meine Hoffnung liegt darauf, dass das nächste Jahr (auch mit dem Beginn in der Reha) endlich die Wende bringt zu einer neuen Zukunft. Zu einer Zukunftsperspektive, die dann auch Realität werden kann und wird. Auch mit einer neuen, kreativen Tätigkeit – möglichst mit der Kamera in der Hand. Zusammen mit der Gelassenheit und Geduld, welche meine Krankheit erfordert. Aufhören nur zu existieren und das Leben auch wieder von seiner schönen Seite sehen.

Und vielleicht ist es dann auch irgendwann mal Zeit nochmal nach Andalusien zu reisen, um sich seinen Dämonen zu stellen, die bestehenden, schlechten Assoziationen zu diesem Landstrich durch schöne Erlebnisse zu ersetzen und damit dem Süden Spaniens noch eine zweite Chance zu geben:

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